Diego Martin von Yellow: Die nächste große Krypto-Nachfrage kommt nicht mehr von Menschen

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Murtuza MerchantJul, 06 2026 15:54
Diego Martin von Yellow: Die nächste große Krypto-Nachfrage kommt nicht mehr von Menschen

Diego Martin von Yellow sieht die stärkste neue Nachfrage im Kryptomarkt nicht mehr bei Privatanlegern, die dem jeweils neuesten Narrativ hinterherlaufen, sondern an der Schnittstelle von Künstlicher Intelligenz und Web3: Dort könnten autonome Agenten zu wiederkehrenden Nutzern von On-Chain-Infrastruktur werden.

In einem Interview mit Yellow.com sagte Martin, die KI-getriebene Krypto-Nachfrage unterscheide sich von früheren Marktphasen, weil sie sich erstmals klar auf der Käuferseite ausbilde – und nicht primär durch neues Token-Angebot.

„Das ist die realste Nachfrage, die ich seit Jahren gesehen habe“, so Martin. Seine Einschätzung stütze sich auf das Orderbuch-Geschehen, nicht nur auf Kursverläufe.

Historisch, so sein Argument, folgten die meisten Krypto-Narrative demselben Muster: Neue Tokens werden aufgelegt, Liquidität rotiert von einem Thema zum nächsten, und Privatanleger werden in kurzfristige Spekulation gezogen. Beim Segment KI und Web3 entstehe etwas anderes – weil der Endnutzer nicht zwangsläufig ein Mensch sein müsse.

Maschinen als nächste Käufergruppe

Den stärksten Teil der KI-Web3-These sieht Martin darin, dass künftige Nachfrage von Maschinen kommen könnte, die für Dienstleistungen bezahlen – nicht von Tradern, die auf Kursgewinne setzen.

„Der Käufer muss nicht einmal ein begeisterter Mensch sein“, sagt er. „Es ist eine Maschine, die etwa ihre AI-Credits für Claude braucht oder Zugang zu dieser Art Technologie.“

Sollte sich dieses Muster verfestigen, würde sich die Marktstruktur verändern. KI-Agenten müssen für Rechenleistung, Daten, Abos, Zugangsrechte, Abwicklung und andere Machine-to-Machine-Dienste zahlen. Diese Zahlungen könnten eine wiederkehrende Nutzung erzeugen – statt einer einmaligen spekulativen Kaufwelle.

Martin erwartet, dass Agenten künftig „einander bezahlen und sich absichern“ – über KI-bezogene Utility-Tokens, Credits oder Settlement-Layer. Dann würde die Nachfrage mit der Aktivität dieser Agenten wachsen – und nicht verschwinden, sobald das Interesse der Privatanleger zum nächsten Sektor weiterzieht.

Deshalb zählt er KI-Web3 zu den wenigen Themen in diesem Zyklus, die echte strukturelle Nachfrage aufbauen könnten.

„Das Kapital ist nicht nur sticky und rotiert weniger, es sammelt sich und bleibt“, sagt Martin.

Blase und Infrastruktur schließen sich nicht aus

Martin schließt nicht aus, dass KI-bezogene Krypto-Assets bereits in einer spekulativen Phase sind. Er betont jedoch, dass Blasen und technologische Revolutionen historisch oft Hand in Hand gehen.

Er vergleicht den aktuellen KI-Krypto-Aufbau mit der Dotcom-Ära, als viele Internetfirmen scheiterten – obwohl die zugrunde liegende Technologie zur Basisinfrastruktur wurde.

„Blase und Revolution stehen nicht im Widerspruch. Es ist dasselbe Ereignis“, sagt er. „Das Internet ist 2001 nicht gestorben. Einzelne Websites sind gestorben.“

Aus seiner Sicht wird der nächste Liquiditätsschock zum Filter: Projekte, die echte Probleme lösen und Nutzung generieren, könnten überleben. Projekte, die hauptsächlich existieren, weil sie ein Token ausgeben können, dürften verschwinden.

Sein einfacher Test für Gründer und Investoren: Würde das Projekt auch ohne die Möglichkeit, ein Token zu drucken, weiterexistieren?

Wenn die Antwort Ja lautet und das Projekt Nutzer, Umsätze und Cashflows hat, sieht Martin darin wahrscheinliche Infrastruktur. Ist die Antwort Nein, sei das Token vermutlich das eigentliche Produkt – und damit extrem angreifbar, sobald die Liquidität austrocknet.

„Die überwältigende Mehrheit der heute startenden Projekte braucht überhaupt kein Token“, sagt er. „Sie geben eines heraus, weil sie Nachfrage dafür brauchen – nicht, weil es ein Problem gibt.“

Orderbücher zeigen, was Charts verschleiern

Einer der größten Fehler von Investoren ist aus Martins Sicht, sich zu stark auf Kurscharts zu verlassen, ohne die Marktstruktur darunter zu analysieren.

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Manche Tokens sähen nach Rallye aus, sagt er, während das Orderbuch ein völlig anderes Bild zeichne. Dann wirke der Markt an der Oberfläche robust, obwohl Insider oder frühe Investoren gerade aussteigen.

„Ich sehe Tokens, die steil nach oben laufen, aber im Buch stehen praktisch nur Verkaufsorders“, sagt Martin. „Alle versuchen rauszukommen.“

Für ihn ist das oft ein Signal für künstlich erzeugte Nachfrage. Ein Projekt oder ein nahestehender Akteur könne Verkaufsdruck absorbieren, um den Chart gesund aussehen zu lassen, während das Orderbuch bereits Schwäche signalisiert.

„Der Chart sagt dir: Das wird großartig aussehen – aber das Orderbuch sagt: Das ist nur eine tickende Zeitbombe“, so Martin.

Dieser Unterschied gewinnt an Bedeutung, je mehr Aufmerksamkeit KI-Web3-Tokens auf sich ziehen. Ein steigender Kurs allein belegt keine echte Nachfrage. Investoren sollten laut Martin auf Nutzung, Umsatz, Orderbuchtiefe und die Widerstandsfähigkeit der Nachfrage in Stressphasen achten.

Der nächste Liquiditätsschock als Lackmustest

Martin verweist auf den Markt-Rutsch am 10. Oktober als Beispiel dafür, wie schnell künstliche Nachfrage verschwindet, wenn globale Liquidität austrocknet. Plötzliche Schocks legten schonungslos offen, was Infrastruktur und was reine Spekulation sei.

„Wenn die globale Liquidität versiegt und die Leitungen zufrieren, verdampft die künstliche Nachfrage an einem einzigen Tag“, sagt er. „Die echte Nutzung bleibt.“

Deshalb geht er davon aus, dass der nächste Crash die KI-Web3-These nicht beendet, sondern seriöse Projekte von reinen Token-Hüllen trennt. Überleben dürften diejenigen, die konkrete Infrastrukturprobleme lösen, Cashflows generieren und Nutzer bedienen, die das Produkt unabhängig vom Tokenpreis benötigen.

Für Martin zählen nicht Hype, Branding oder kurzfristige Performance, sondern ob Nutzer weiter transagieren, ob Umsätze existieren und ob das Orderbuch echte Käufer statt nur Stützungsorders zeigt.

„Wenn du die Gewinner nur nach dem Chart aussuchst, kaufst du die Schlechtesten“, sagt er. „Schau dir die Leitungen an, schau ins Orderbuch.“

Privatanleger sind nicht mehr die Taktgeber beim Volumen

Martin sieht zudem, dass Privatanleger beim Handelsvolumen an Bedeutung verlieren. Den Großteil des heutigen Umsatzes schreiben aus seiner Sicht Bots, Market Maker, Arbitrage-Systeme und andere algorithmische Strategien.

„Der Großteil des Volumens kommt von Maschinen, die Strategien emotionslos ausführen“, sagt er. „Und der Großteil des Schmerzes trifft Menschen.“

Diese Verschiebung stützt sein übergeordnetes Argument: Wenn der Krypto-Markt ohnehin zunehmend maschinengesteuert ist, dann sind KI-Agenten als eigenständige wirtschaftliche Akteure keine ferne Vision, sondern der nächste logische Schritt in einem bereits stark automatisierten Markt.

Privatanleger trifft es laut Martin weiterhin am härtesten in Liquidationsphasen, weil sie emotional einsteigen und von Hebelsystemen schneller aus dem Markt gedrängt werden, als sie reagieren können. Bots geraten nicht in Panik – Menschen schon.

In den kommenden 12 bis 15 Monaten rechnet er damit, dass Agenten als wirtschaftliche Akteure sichtbarer werden: Sie kaufen Services ein, tätigen Transaktionen und treiben die Marktaktivität – weniger emotional, stärker nutzengetrieben.

Die Konsequenz für Kryptomärkte ist erheblich: Wenn KI-Agenten zu wiederkehrenden Käufern von Rechenleistung, Zugängen und Abwicklungsdiensten werden, dürfte der nächste große Nachfragezyklus anders aussehen als die von Privatanlegern getriebenen Rotationen der vergangenen Jahre.

Er könnte leiser, stärker automatisiert und infrastrukturlastiger ausfallen.

Die entscheidende Frage sei, so Martin, welche Projekte tatsächlich für diese Zukunft bauen – und welche lediglich KI als jüngstes Token-Narrativ nutzen.

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