Forscher gehen davon aus, dass der gemeldete Einbruch von 94 Prozent beim automatisierten Traffic von Yandex nach ukrainischen Drohnenangriffen vor allem auf ausgefallene Suchmaschinen-Crawler zurückzuführen ist – und nicht auf verstummte russische Propagandabots. Damit stellen sie eine zentrale Behauptung von Wolodymyr Selenskyj infrage.
Die wichtigsten Punkte:
- Selenskyj sagte, Angriffe auf Yandex-Rechenzentren hätten zu weniger Bots und Hass in sozialen Netzwerken geführt.
- Netzwerkanalysen zeigen einen massiven Rückgang des Yandex-Autotraffics – überwiegend durch eigene Web-Crawler.
- Forscher, die Kreml-Trolle sowie AfD- und MAGA-Accounts beobachten, sehen keinen nennenswerten Rückgang der Aktivität.
Selenskyjs Behauptung zu Yandex
In einer Videoansprache beim Warsaw Security Forum am 12. Oktober erklärte der ukrainische Präsident, in den sozialen Medien sei es „ein wenig leichter zu atmen“ gewesen, nachdem ukrainische Angriffe Yandex-Rechenzentren getroffen hätten. Es habe „weniger Hass, weniger Spaltung und weniger Provokationen“ gegeben, weil weniger Bots unterwegs gewesen seien, sagte er. Es sei „ziemlich klar“, woher diese Bots gekommen seien, so Selenskyj.
Ukrainische Drohnen trafen zwischen dem 8. und 11. Oktober drei Rechenzentren des Konzerns, der oft als „Googles russisches Pendant“ bezeichnet wird, in den Regionen Rjasan, Kaluga und Wladimir. Yandex stellte nach dem letzten Angriff den Betrieb seines Standorts in Wladimir vollständig ein. Auch der Fahrdienst- und Lieferdienst Yandex Go geriet in Armenien, Kasachstan, Usbekistan und weiteren Nachbarstaaten ins Stottern.
Daten des CDN-Anbieters Cloudflare zeigen, dass der automatisierte Traffic aus dem Yandex-Netzwerk am 11. Oktober um rund 94 Prozent gegenüber dem Durchschnitt der zweiten Septemberhälfte zurückging. Ein viraler Post trieb die Interpretation noch weiter und behauptete, die Online-Unterstützung für die deutsche AfD sei nach den Angriffen um 56 Prozent eingebrochen. Der Beitrag erreichte Millionen Abrufe, bevor der Autor ihn wieder löschte.
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DiResta widerspricht
Forscher halten diese Lesart der Kurven für fehlerhaft.
Der Großteil des automatisierten Traffics stamme von Yandex’ eigenen Web-Crawlern, also Programmen, die Websites für die Suche indexieren – nicht von Accounts, die Propaganda verbreiten. Das Wort „Bot“ werde häufig „als Sammelbegriff sowohl für Web-Crawler als auch für Online-Trolle“ verwendet, sagte Renee DiResta, Associate Research Professor an der Georgetown University, in einem Interview. Trolle operierten zudem in der Regel auf deutlich robusterer Infrastruktur, so DiResta.
Die anonyme Gruppe Antibot4Navalny registrierte bei den seit Jahren beobachteten kremlnahen Troll-Netzwerken keinen „dramatischen Einbruch“. Valdemar Osted von Common Consultancy analysierte Beiträge von 76 AfD-Politikern und 136 MAGA-Accounts auf Facebook und stellte lediglich übliche tägliche Schwankungen fest. In der Ukraine sah Analyst Jewhen Luzan von der Non-Profit-Organisation CAT-UA keine signifikanten Veränderungen bei rund 10.000 täglichen Nennungen in sozialen Medien.
Selenskyj stellt die Angriffe als Vergeltungsschlag dar. Seit Ende September haben russische Attacken Rechenzentren von mindestens acht ukrainischen Unternehmen beschädigt oder zerstört – eine Kampagne, die das russische Verteidigungsministerium als „erzwungenen digitalen Detox“ bezeichnete.
Ein Drohnenangriff am 23. September unterbrach die Internetverbindung für rund 100.000 Haushalte in Kiew und Umgebung.
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