Traditionelle Finanzakteure entfernen sich zunehmend von der Grundsatzfrage, ob Stablecoins und öffentliche Blockchains überhaupt in das Finanzsystem gehören. Stattdessen rückt der Wettlauf darum in den Mittelpunkt, wer die Infrastruktur kontrolliert, über die künftig digitales Geld fließt, sagen Branchenbeobachter.
Diese Verschiebung könnte den Zahlungsverkehr und die Abwicklung institutioneller Transaktionen grundlegend verändern: Banken entwickeln eigene digitale Dollarprodukte – parallel zu etablierten Stablecoins, tokenisierten Einlagen und anderen Formen blockchain-basierten Geldes.
Anstatt bestehende Token kurzfristig zu verdrängen, dürfte ein stärker fragmentierter Markt entstehen, in dem Interoperabilität, Liquidität und effiziente Abwicklung an Bedeutung gewinnen.
Banken wechseln von der Zuschauer- in die Aufbaurolle
In einem an Yellow.com gerichteten Memo bezeichnet Alex Witt, Founding General Partner bei Verda Ventures, die Beteiligung von 21 Finanzinstituten als einen der bislang deutlichsten Hinweise darauf, dass der Blockchain-Einsatz zunehmend von der traditionellen Finanzwelt getrieben wird.
„Dass 21 Banken gemeinsam hinter einem Stablecoin stehen, ist das bislang klarste Signal, dass das Wachstum der Blockchain-Schienen inzwischen aus dem TradFi-Sektor kommt“, so Witt.
Die Debatte habe sich damit verschoben – weg von der Frage, ob öffentliche Blockchains für Abwicklung geeignet sind, hin zu der Frage, welche Institute die Emittenten kontrollieren werden, die auf diesen Netzwerken operieren.
Das Konsortium plant die Gründung eines neuen Unternehmens, das Stablecoins für den Zahlungsverkehr und für Transaktionen mit digitalen Vermögenswerten ausgeben soll. Das erste Produkt soll auf US-Dollar lauten, weitere Währungen sind in Vorbereitung.
Die Initiative hat sich deutlich ausgeweitet gegenüber einem Projekt, das im Oktober 2025 erstmals bekannt wurde, als zunächst zehn Banken eine reservengedeckte digitale Zahlungseinheit für den Einsatz auf öffentlichen Blockchains prüften.
Stablecoins erhalten Bankensiegel
Utkarsh Ahuja, Gründer und Managing Partner bei Moon Pursuit Capital, wertet den direkten Einstieg der Banken als Signal für einen grundlegenden Strategiewechsel im Umgang mit Stablecoins.
„Jahrelang stritten Banken darüber, ob Stablecoins eine Bedrohung für das traditionelle Finanzsystem darstellen. Jetzt schließen sich 21 große Institute zusammen, um selbst einen zu emittieren“, sagt Ahuja.
Vor dem Hintergrund, dass immer mehr Geldströme über Blockchain-basierte Systeme laufen, stünden Banken vor einer strategischen Weichenstellung: Entweder sie passten sich an diese Entwicklung an – oder riskierten, von ihr überrollt zu werden.
Zu dem erweiterten Kreis gehören Schwergewichte wie Bank of America, Citi, Goldman Sachs und UBS sowie weitere Finanzinstitute aus Nordamerika, Europa, Asien, dem Nahen Osten und Afrika.
Ahuja rechnet nicht damit, dass das Vorhaben kurzfristig nennenswerte Marktanteile von USDT oder USDC abziehen wird. Diese Token verfügen bereits über deutliche Vorsprünge bei Liquidität, Verbreitung und Netzwerkeffekten.
Die größere Bedeutung liege in der Signalwirkung: Große Finanzinstitute behandelten Stablecoins zunehmend als Teil der künftigen Finanzmarktinfrastruktur.
Dadurch könnte eine zusätzliche Nachfrage nach Dienstleistungen rund um On-Chain-Finanzierung entstehen – von Verwahrung und Compliance bis zu Liquiditäts- und Abwicklungsinfrastruktur.
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Der Markt für digitale Dollars dürfte sich zersplittern
Kyle Sonlin, President und Co-Founder des Global Settlement Network, rechnet damit, dass unterschiedliche Formen digitalen Geldes parallel existieren werden – ohne dass ein einzelner Stablecoin als klarer Alleingewinner hervorgeht.
„Stablecoins haben gezeigt, dass es eine Nachfrage nach Dollars gibt, die rund um die Uhr transferierbar sind – und Banken wollen daran teilhaben“, sagt Sonlin.
Langfristig könne ein Markt entstehen, in dem bankemittierte Stablecoins neben USDC, USDT, tokenisierten Einlagen und digitalen Währungen auf Basis verschiedener Fiat-Währungen koexistieren.
Damit würde Interoperabilität zum Schlüsselfaktor: Halten Institutionen unterschiedliche Formen digitaler Dollars, müssen sie zwischen diesen reibungslos handeln können, ohne neue Abwicklungsengpässe zu schaffen.
Die reine 24/7-Verfügbarkeit sei begrenzt wertvoll, so Sonlin, wenn Liquidität und Settlement zwischen digitalen Assets weiterhin an die Betriebszeiten des klassischen Bankensystems gekoppelt blieben.
Interoperabilität wird zum Härtetest der Infrastruktur
Bernardo Brites, Co-Founder und CEO von Trace Finance, wertet die Entwicklung als Übergang, in dem Stablecoins ihre rein krypto-native Nische verlassen und in Richtung einer breiten Finanzmarkt-Infrastruktur rücken.
„Diese Nachricht belegt, dass wir die Phase hinter uns lassen, in der Stablecoins primär ein krypto-natives Experiment waren. Wir bewegen uns hin zu einer Kern-Zahlungsinfrastruktur, an der traditionelle Finanzhäuser einen Anteil besitzen wollen“, so Brites.
Die zentrale Herausforderung bestehe darin, bankbasierte Stablecoins, tokenisierte Einlagen und bereits existierende digitale Dollar-Token miteinander kompatibel zu machen.
Einzelne Netzwerke könnten zwar extrem schnelle Abwicklung bieten, doch löse das das Grundproblem nicht, solange Vermögenswerte in voneinander isolierten Silos blieben. Entscheidender werde die Infrastruktur, die diese Systeme verbindet – inklusive der Compliance- und Abwicklungstechnologie, die im Hintergrund arbeitet.
Banken starten Wettlauf um Eigentum an der Geldinfrastruktur
Witt erwartet einen Markt, der sich in mehrere Segmente ausdifferenziert: Etablierte Stablecoins dürften zentrale Rollen behalten, während neue, bankengetragene Produkte vor allem auf institutionelle Abwicklung und spezifische Finanzanwendungen zielen.
Das Konsortium plant, seinen Dollar-Stablecoin in der ersten Hälfte des Jahres 2027 zu starten und sieht den Euro als Priorität für eine nächste Ausbaustufe. Die Struktur der Initiative soll sich eng an regulatorische Vorgaben in den USA und Europa anlehnen.
Das Projekt tritt damit in einen Markt ein, der bereits von dollarbesicherten Stablecoins dominiert wird – angeführt von Tethers USDT und Circles USDC.
Nach Einschätzung der Experten wird sich der wichtigste Wettbewerb jedoch nicht allein an Marktanteilen im Stablecoin-Segment entscheiden.
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