Tangem-CTO erklärt, warum drei Karten der Seed Phrase bei Selbstverwahrung überlegen sind

Tangem-CTO erklärt, warum drei Karten der Seed Phrase bei Selbstverwahrung überlegen sind

Kann eine Krypto-Wallet ganz ohne Bildschirm, Akku und Software-Updates der sicherste Ort für digitale Vermögenswerte sein? Tangem-Chief Technology Officer Andrey Lazutkin ist überzeugt davon. In einem ausführlichen Interview erläutert er das kartenbasierte Design des Unternehmens, das Drei-Karten-Backup, Schutzmechanismen für DeFi-Nutzer sowie die Haltung zu Regulierung und Quantenrisiken.

Sicherheitskonzept der bildschirmlosen Tangem-Wallet

Lazutkin leitet die Entwicklungsabteilung des in der Schweiz ansässigen Unternehmens, das Karten-Wallets herstellt, die per NFC mit dem Smartphone gekoppelt werden. Die Karten besitzen weder Bildschirm noch Akku, kein USB-Port, kein Bluetooth und keine updatefähige Firmware. Private Keys werden ausschließlich innerhalb eines zertifizierten Secure Elements erzeugt und gespeichert – und verlassen diesen Sicherheitschip nie.

Aus seiner Sicht hängt Sicherheit nicht an einem Display auf dem Gerät. Jedes zusätzliche Bauteil – von Tasten bis hin zu Update-Kanälen – vergrößere die Angriffsfläche, argumentiert er. „In der Sicherheit ist Komplexität oft der Feind.“

Die Firmware wird im Werk aufgespielt und kann danach nicht mehr verändert werden. Das Unternehmen hat somit technisch keine Möglichkeit, später Code auf bereits ausgelieferte Karten zu pushen. Lazutkin betrachtet Update-Mechanismen als dauerhafte Einfallstore für Code-Injektionen, die Nutzer jahrelang an die Signaturschlüssel, Server und Mitarbeiter eines Anbieters binden.

Er verweist auf den Ledger-Recover-Vorfall, als ein Support-Account des Wettbewerbers in einem später gelöschten Beitrag angeblich einräumte, dass Firmware mit der Möglichkeit zum Key-Export grundsätzlich immer denkbar gewesen sei. Unveränderlichkeit, so Lazutkin, eliminiere genau diese Vertrauensannahme.

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Seedlose Backups und DeFi-Begrenzungen

Ein Standard-Set von Tangem umfasst drei Karten, die jeweils eine Kopie desselben Schlüssels in getrennten Secure Elements enthalten – und damit die klassische, aufgeschriebene Seed Phrase vollständig ersetzen. Nutzer können eine Karte für den täglichen Gebrauch behalten und die anderen etwa bei einem Anwalt oder einem Angehörigen für Erbschaftszwecke hinterlegen. Gehen alle drei Karten verloren, sind die verwahrten Vermögenswerte unwiederbringlich weg.

Lazutkin bezeichnet dieses Risiko als Preis echter Selbstverwahrung. Er verweist auf Schätzungen von Chainalysis, wonach Millionen Bitcoin (BTC) dauerhaft verloren sind – überwiegend durch falsch gehandhabte Seed Phrases und Private Keys.

Die zugehörige App simuliert Transaktionen, analysiert Vertragsrisiken und prüft auf Phishing-Domains, auch wenn Lazutkin die Verfahren ausdrücklich nicht als narrensicher beschreibt. Komplexe, mehrstufige Smart-Contract-Konstruktionen und täuschend echt wirkende Phishing-Frontends können die Filter weiterhin umgehen, räumt er ein. „Absolute Sicherheit gibt es nicht.“

Eine neuere Funktion namens Smart Gas basiert auf dem Standard EIP-7702 und ermöglicht es Nutzern, auf unterstützten EVM-Netzwerken die Transaktionsgebühren in ausgewählten ERC-20-Token wie Tether (USDT) und USD Coin (USDC) zu bezahlen. Die Schlüssel verlassen dabei zu keinem Zeitpunkt die Karte, betont er.

Regulierung und Quantenrisiken

Auf die zunehmend strengeren Vorgaben für „unhosted wallets“ angesprochen, betont Lazutkin, dass die Karte keinerlei Compliance-Layer enthalte und kein Server um Erlaubnis bitten müsse, um eine Signatur auszuführen. Tangem könne weder ein Gerät einfrieren noch einen Private Key aus der Ferne auslesen. „Die Karte schützt den Schlüssel. Der Nutzer kontrolliert die Mittel.“

Er rechnet damit, dass sich die Aufsicht weiterhin vor allem auf Börsen, On- und Off-Ramps sowie Zahlungsdienstleister konzentrieren wird – nicht auf die reine Signaturschicht. Ein zu harter regulatorischer Druck auf geprüfte Produkte würde Nutzer eher in Richtung intransparenterer Lösungen drängen, argumentiert er.

Beim Thema Quantencomputing verweist Lazutkin darauf, dass jede Migration auf Protokollebene beginnen müsse, da Wallets nicht entscheiden, welche Signaturschemata Ethereum (ETH), Solana (SOL) oder Bitcoin akzeptieren. Bisher sei kein Post-Quanten-Algorithmus für alltägliche Signaturen breit eingeführt. Derselbe Transformationsprozess werde auch Bankkarten, SIM-Karten und Ausweisdokumente erfassen.

Die Fragen, die Lazutkin adressiert, beschäftigen die Wallet-Branche seit Jahren. Die Debatte über Displays, Seed Phrases und Firmware-Updates eskalierte im Mai 2023, als Ledger seinen optionalen Recover-Backup-Dienst verschob, nachdem Nutzer heftig auf die Möglichkeit eines Key-Exports reagiert hatten. Tangems Antwort darauf ist ein Gerät, das sich nach Verlassen des Werks nie mehr ändert – kombiniert mit einer stark gehärteten mobilen App. In einem Markt, in dem verlorene Schlüssel bereits Vermögen ausgelöscht haben, ist genau dieser Trade-off es, den Käufer heute abwägen müssen.

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