Die US-Kryptobranche sieht erstmals konkrete Fortschritte hin zu einem tragfähigen Rechtsrahmen für digitale Vermögenswerte. Auslöser ist der Vorstoß des Clarity Act im Bankenausschuss des US-Senats – ein Gesetzesentwurf, der nach Ansicht seiner Befürworter jahrelange regulatorische Unklarheit beenden könnte, die Innovation ins Ausland gedrängt hat.
Der Ausschuss brachte den Entwurf am Donnerstag mit 15 zu 9 Stimmen auf den Weg. Damit rückt das bislang bedeutendste Gesetz zur Strukturierung der Kryptomärkte einen Schritt näher an eine Abstimmung im Plenum. Der Vorschlag zieht klare Kompetenzgrenzen zwischen der Börsenaufsicht SEC und der Terminmarktaufsicht CFTC und soll zugleich präzisere Regeln für Token-Emissionen, DeFi-Aktivitäten und nicht-verwahrende Software schaffen.
Branchenvertreter sprechen von einem Wendepunkt für die amerikanische Kryptopolitik, mahnen jedoch, der Entwurf müsse noch einen schwierigen Weg durch den Kongress gehen – gefolgt von jahrelanger Detailregulierung durch die Behörden.
„Der CLARITY Act ist genau das, was die Kryptoindustrie braucht“, sagte Jeff Amico, COO von Gensyn, in einer per E-Mail übermittelten Stellungnahme gegenüber Yellow.com. „Das derzeitige System ist intransparent und ermöglicht es schwarzen Schafen – von Börsen bis zu Token-Emittenten –, Kleinanleger auszunutzen.“
Die US-Kryptobranche operiert seit Jahren unter sich überschneidenden Durchsetzungsmaßnahmen verschiedener Bundesbehörden. Unternehmen wissen häufig nicht, ob ein Token als Wertpapier, Rohstoff oder als etwas völlig anderes eingestuft wird.
Branche: Tokenisierung hängt Regulatoren längst ab
Manager quer durch den Sektor betonen, der Gesetzentwurf sei weniger deshalb entscheidend, weil er Blockchain-Technologie „adelt“, sondern weil er eine Marktstruktur anerkennt, die global längst im Entstehen ist.
„Regulierte, tokenisierte Wertpapiere sind keine Theorie mehr“, sagte Jesse Knutson, Head of Operations bei Bitfinex Securities. „Emittenten wollen schneller an Kapital, Investoren Zugang zu Märkten, die nicht durch veraltete Infrastruktur begrenzt sind, und Institutionen warten seit Jahren auf Regeln, die großvolumige Engagements rechtfertigen.“
Befürworter des Entwurfs argumentieren, mehr Rechtssicherheit könnte institutionelles Kapital in tokenisierte Wertpapiere, Stablecoins und DeFi-Märkte lenken – und zugleich das juristische Risiko für Entwickler senken, die Blockchain-Infrastruktur in den USA aufbauen.
Mari Tomunen, Chefjustiziarin bei DoubleZero, hebt insbesondere den Umgang des Gesetzes mit dezentraler und nicht-verwahrender Software hervor.
„Der Clarity Act hilft, klarere gesetzliche Grenzen für dezentrale und nicht-verwahrende Aktivitäten zu ziehen“, so Tomunen. Bestehende Leitlinien hätten Projekte bislang oft dazu verleitet, weniger Informationen offenzulegen – aus Angst, ihre Wertpapierhaftung zu verschärfen.
Die Vorlage passierte den Ausschuss überwiegend entlang der Parteilinien, doch die demokratischen Senatoren Ruben Gallego aus Arizona und Angela Alsobrooks aus Maryland stellten sich an die Seite der Republikaner. Ausschussvorsitzender Tim Scott sprach davon, dass der Sektor für digitale Vermögenswerte zu lange in einer „regulatorischen Grauzone“ gefangen gewesen sei.
Das Repräsentantenhaus hatte bereits im Juli 2025 eine eigene Version der Vorlage verabschiedet. Die Abgeordneten müssen nun die Differenzen zwischen beiden Kammern ausräumen, bevor ein finaler Text Präsident Donald Trump vorgelegt werden kann.
Branche warnt: USA drohen Rückstand auf globale Krypto-Hubs
Trotz des Optimismus rund um den Clarity Act warnen zahlreiche Branchenstimmen, die Vereinigten Staaten könnten weiter an Boden gegenüber Jurisdiktionen verlieren, die bei der Regulierung digitaler Vermögenswerte schneller handeln.
Angus Scott, Gründer des Solana Research Institute, erwartet, dass das Gesetz nur den Auftakt zu einem deutlich längeren Regulierungsprozess darstellt.
„Der CLARITY Act dürfte eher ein erster Schritt auf einem langen regulatorischen Weg sein als das letzte Wort zum Thema“, sagte Scott. „Die VAE, Singapur und Hongkong haben nicht darauf gewartet, bis sich in Amerika ein Konsens herausbildet.“
Diese Sorge rückt zunehmend in den Mittelpunkt der Krypto-Debatte in Washington. Länder wie die Vereinigten Arabischen Emirate und Singapur positionieren sich mit bereits etablierten Lizenzregimen offensiv als globale Hubs für digitale Assets.
Bankenverbände lehnen weiterhin zentrale Teile des Entwurfs ab – insbesondere Regelungen zu Stablecoin-Erträgen. Sie warnen, dass tokenisierte Dollarsysteme Einlagen von traditionellen Kreditinstituten abziehen und Bankbilanzen schwächen könnten.
Krypto-Unternehmen halten dagegen, der Entwurf enthalte strenge Leitplanken und erlaube Ertragsmodelle nur in eng umrissenen Konstellationen des Zahlungsverkehrs mit Verbrauchern.
Abstimmung im Senat bleibt größte Hürde
Auch wenn der Ausschussbeschluss den bislang größten legislativen Fortschritt markiert, steht der Entwurf vor weiteren hohen politischen Hürden, bevor er Gesetz werden kann.
Markus Levin, Mitgründer von XYO, sieht im Hearing eine klare Trennlinie zwischen Abgeordneten, die Krypto vorrangig als Marktstrukturthema betrachten, und jenen, die Ethik- und Vollzugsfragen in den Mittelpunkt stellen.
„Das überparteiliche Signal von heute ist real, aber fragil“, sagte Levin. „Wenn der heute entstandene Verhandlungsspielraum hält, gibt es einen realistischen Weg zu 60 Stimmen.“
Diese Hürde von 60 Stimmen ist die unmittelbare Herausforderung im Senat. Demokraten und Republikaner sind weiterhin uneins über DeFi-Regelungen, Stablecoin-Aufsicht und mögliche Interessenkonflekte durch Krypto-Bestände von Mandatsträgern.
Das Weiße Haus peilt Medienberichten zufolge den 4. Juli als Zieltermin für die Unterschrift des Präsidenten an. Bis dahin müssen Unterhändler aber noch die Differenzen zwischen Senats- und House-Version zusammenführen.
Für die Kryptoindustrie markiert schon der bisherige Fortschritt einen Bruch mit den vergangenen Jahren, in denen Verhandlungen immer wieder ins Stocken geraten oder Anhörungen kurzfristig abgesagt worden waren.
„Seriöse Teams haben überhaupt kein Problem damit, sich an solche Regeln zu halten“, sagte Amico. „Sie helfen, gute von schlechten Akteuren zu trennen.“
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