Ein Jahr nach der Unterzeichnung des GENIUS Act als Gesetz haben Stablecoins ihren Platz als seriöse Infrastruktur für Unternehmenszahlungen gefestigt. Branchenlenker warnen jedoch, dass die nächste Wachstumsphase davon abhängt, ob Aufseher die Emissionsvorgaben nun endlich in praxistaugliche Bank- und Abwicklungsstrukturen übersetzen.
Das am 18. Juli 2025 unterzeichnete Gesetz schuf erstmals einen bundesrechtlichen Rahmen für US‑Payment‑Stablecoins. Es schreibt eine 100‑prozentige Hinterlegung mit Reserven wie US‑Dollar oder kurzfristigen US‑Staatsanleihen vor, verlangt monatliche, öffentliche Berichte zur Reservequalität sowie die Einhaltung von Geldwäsche‑ und Sanktionsvorschriften.
Boom bei Stablecoins stärkt Vertrauen der Unternehmen
Seitdem ist der Markt deutlich gewachsen.
Nach Angaben der Digital Chamber erreichte der globale Stablecoin‑Markt 2026 ein Volumen von 315 Milliarden US‑Dollar, nach 206 Milliarden Anfang 2025. Das jährliche weltweite Transaktionsvolumen stieg 2025 auf fast 35 Billionen US‑Dollar. Die realwirtschaftlichen Zahlungen mit Stablecoins haben sich den Angaben zufolge binnen eines Jahres auf 390 Milliarden US‑Dollar verdoppelt.
Für Zahlungsdienstleister ist vor allem eines spürbar: Planungssicherheit.
„Zum ersten Jahrestag des GENIUS Act ist klar: Das Gesetz hat einen spürbaren, positiven Wendepunkt für die Verbreitung von Stablecoins markiert – insbesondere im Geschäftskundensegment“, sagte Eric Barbier, CEO von Triple‑A, gegenüber Yellow.com.
Vor dem Gesetz, so Barbier, hätten Unklarheiten über den rechtlichen und regulatorischen Status von Stablecoins in den USA viele Unternehmen zögern lassen – vor allem größere Konzerne, bei denen neue Zahlungsarten die Zustimmung von Finanz‑, Rechts‑, Compliance‑ und Bankpartnern benötigen.
„Nach einem Jahr hat der Act nicht nur regulatorische Klarheit geschaffen, sondern Stablecoins in den Mainstream geführt“, so Barbier.
Triple‑A, ein globaler Zahlungsdienstleister mit Fokus auf Stablecoin‑basierte Lösungen, beobachtet nach seinen Angaben eine deutlich steigende Nachfrage von Unternehmen, die Stablecoins entweder konkret prüfen oder bereits aktiv als Zahlungsmittel einführen.
Am sichtbarsten sei die Veränderung bei den eigenen Geschäftsabläufen: Die Sales‑Zyklen mit Großkunden, die über die Triple‑A‑Plattform Stablecoin‑Zahlungen freischalten, hätten sich „spürbar verkürzt“.
„Mit einem klaren Rahmenwerk etablieren sich Stablecoins rasch als vertrauenswürdige zusätzliche Zahlungsinfrastruktur – insbesondere für grenzüberschreitenden Handel“, sagte Barbier.
Klare Regeln zur Emission reichen nicht
Der Jahrestag macht zugleich deutlich, was der GENIUS Act nicht gelöst hat.
Für Anbieter im Cross‑Border‑Geschäft definiert das Gesetz, wer Payment‑Stablecoins emittieren darf und welche Reservestandards gelten. Offengelassen hat es allerdings, wie sich Stablecoins konkret durch das Bankensystem bewegen sollen – und wer haftet, wenn regulierte Banken, Payment‑Provider und Krypto‑Firmen miteinander interagieren.
„Diese Woche jährt sich die Unterzeichnung des GENIUS Act, und der Jahrestag ist ein guter Moment, um Bilanz zu ziehen: Was wurde erreicht, und wo liegen die Baustellen?“, sagte Diogo Cassinelli, Sales- und Partnerships‑Manager bei Trace Finance.
„Dass die Emission von Stablecoins nun einem Bundesrahmen unterliegt, ist ein enormer Meilenstein“, so Cassinelli weiter. „Aber für Akteure im grenzüberschreitenden Zahlungs‑ und Abwicklungsgeschäft war Emissionsklarheit von Anfang an nur die halbe Miete.“
Auch der Financial Stability Board warnt, Stablecoins spielten bislang nur eine Nebenrolle im globalen Zahlungsverkehr. Das Volumen weltweiter grenzüberschreitender Zahlungen wurde 2024 auf rund 200 Billionen US‑Dollar geschätzt, während Stablecoin‑basierte Cross‑Border‑Zahlungen 2025 nach manchen Schätzungen weniger als 0,2 % davon ausmachten.
Cassinelli sieht die größte Lücke in einem einheitlichen Rechtsstandard, auf den sich Banken bei der Zusammenarbeit mit Stablecoin‑Payment‑Anbietern stützen können.
„Im grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr muss jeder neue Bankpartner einzeln davon überzeugt werden, dass das eigene Modell rechtskonform ist – weil es keinen gemeinsamen Standard gibt, auf den sich Institute berufen können“, sagte er.
Dieser Prozess verlängere Abläufe, die eigentlich Wochen dauern sollten, auf Monate – und wiederholt sich bei jedem Markteintritt und jeder neuen Bankbeziehung.
Für Cassinelli liegt hier das Potenzial des CLARITY Act.
„Wenn CLARITY verabschiedet wird, wäre das größte Potenzial schlicht Geschwindigkeit“, sagte er. „Ein klares Rahmenwerk bedeutet, dass Banken und Zahlungsdienstleister schneller grünes Licht geben können, weil die Compliance‑Fragen bereits auf Bundesebene beantwortet sind – statt dass jede einzelne Institution ihr eigenes Risiko‑Votum abgeben muss.“
CLARITY würde großen Häusern einen klaren Weg eröffnen, Gelder via Stablecoins zu bewegen, und Start‑ups zugleich eine deutlich klarere Roadmap liefern, um Produkte für diese Institute zu bauen.
Die Regelbücher sind noch nicht geschrieben
Das erste Jahr offenbart auch eine deutliche Lücke zwischen politischem Tempo und praktischer Umsetzung durch die Aufsicht.
„Nach einem Jahr hat der GENIUS Act zweifellos als Signal zur Legitimierung von Stablecoins funktioniert“, sagte Alex Witt, General Partner bei Verda Ventures.
Witt verweist auf die Marktkapitalisierung von Stablecoins, die die Marke von 300 Milliarden US‑Dollar überschritten hat, auf in etwa vervierfachte Transaktionsvolumina, den Einstieg institutioneller Akteure wie Fidelity und Ripple (XRP), die sich Lizenzen gesichert haben, sowie auf Tether (USDT), das mit der USA₮‑Auflage über Anchorage stärker in die USA rückt.
Die Umsetzung des Gesetzes hält mit dieser Marktdynamik aus seiner Sicht jedoch nicht Schritt.
„Die regulatorische Umsetzung hinkt massiv hinterher: Sechs Behörden sollten ihre Regelwerke bis zum 18. Juli 2026 finalisieren, doch keine einzige Regel ist verabschiedet. Der Markt läuft damit weiter auf alten Offenlegungspflichten, während Entscheidungen über Lizenzen und direkten Fed‑Zugang im Hintergrund bereits Gewinner bestimmen – bevor das eigentliche Regelwerk steht“, kritisierte Witt.
Die eigentliche Bewährungsprobe: Detailregeln
Hinter den Kulissen ist der Regulierungsapparat dennoch in Bewegung. Die Office of the Comptroller of the Currency (OCC) hat einen Entwurf für Regeln zur Reserveverwaltung, Einlösung, Kapitalausstattung, Verwahrung und Compliance‑Anforderungen für zugelassene Payment‑Stablecoin‑Emittenten vorgelegt. Darin verweist sie auch auf private Marktprognosen, die für 2026 von einem aggregierten Stablecoin‑Volumen von 500 Milliarden US‑Dollar ausgehen.
Die US‑Notenbank Federal Reserve arbeitete laut Barron’s noch bis kurz vor Ablauf der Jahrestagsfrist an eigenen Stablecoin‑Regeln für das öffentliche Konsultationsverfahren.
Witt zufolge bleiben zentrale Streitpunkte ungelöst – etwa das Verbot, Renditen auf Stablecoin‑Bestände auszuschütten, sowie das Backstop‑Datum Januar 2027, ab dem bestimmte Übergangsregelungen auslaufen sollen.
„Die eigentliche Bewährungsprobe des Act liegt in den nächsten sechs Monaten, nicht im zurückliegenden Jahr“, sagte er.
Das erste Jahr des GENIUS Act hat Stablecoins rechtlich legitimiert und Unternehmen näher an die operative Nutzung herangeführt. Im zweiten Jahr wird sich zeigen, ob aus dieser Legitimität belastbare Zahlungsinfrastruktur wird.
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